Umfassender Überblick über die WHO-Standards 2026 für Frauenmilchbanken
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Von Larissa Belardin
Am 30. Juli 2026 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Zusammenarbeit mit PATH und einer internationalen Expertengruppe offiziell ihre richtungsweisende Veröffentlichung herausgegeben: Standards for Donor Human Milk Banking (Standards für Frauenmilchbanken).
Dieses umfassende Dokument enthält weltweit einheitliche, evidenzbasierte Empfehlungen, die eine ethische Gewinnung, klinische Sicherheit, ernährungsphysiologische Qualität und standardisierte Verarbeitung von gespendeter Frauenmilch (Donor Human Milk, DHM) in Gesundheitssystemen mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen sicherstellen sollen.
Für Stillberaterinnen ist es unerlässlich, diese Standards zu beherrschen. Sie verbinden das klinische Stillmanagement mit der Infrastruktur der öffentlichen Gesundheit und ermöglichen es dir, das direkte Stillen durch die Mutter zu schützen und dich gleichzeitig für gefährdete Säuglinge einzusetzen, die pasteurisierte Spenderinnenmilch benötigen.
1. Grundhaltung: Die Milch der eigenen Mutter als Goldstandard
Die WHO-Leitlinien 2026 legen eine klare klinische Rangfolge für die Ernährung von Säuglingen fest, insbesondere für Frühgeborene, Neugeborene mit niedrigem Geburtsgewicht oder kranke Neugeborene:
Erste Wahl: Die Milch der eigenen Mutter (Mother's Own Milk, MOM) ist eindeutig die optimale Ernährung und die erste Wahl für alle Säuglinge. Kein Spendermilchprodukt und keine Säuglingsnahrung kann das persönliche immunologische und dynamische Nährstoffprofil der Milch einer Mutter nachbilden, das auf ihr eigenes Kind abgestimmt ist.
Zweite Wahl: Gespendete Frauenmilch (DHM) ist offiziell die zweite Wahl, wenn die Milch der eigenen Mutter vorübergehend nicht verfügbar, nicht ausreichend oder aus klinischen Gründen kontraindiziert ist.
DHM als „Stillbrücke“: Das Dokument betont, dass DHM niemals die Bemühungen ersetzen darf, das Stillen der Mutter in Gang zu bringen. Stattdessen dient sie als vorübergehende klinische Brücke, die ernährungsphysiologischen Schutz und Stabilität des Darms bietet, während die Mutter kompetente Stillunterstützung erhält, um ihre eigene Milchbildung in Gang zu bringen, aufrechtzuerhalten oder wieder aufzubauen.
Rangfolge der Säuglingsernährung
Erste Wahl: Milch der eigenen Mutter (MOM). Klinischer Hauptzweck: maßgeschneiderte Immunologie, optimales Wachstum, persönlicher Schutz. Dauer und Strategie: langfristige Hauptnahrung, unterstützt durch aktives Stillmanagement.
Zweite Wahl: Gespendete Frauenmilch (DHM). Klinischer Hauptzweck: Schutz des Darms, Vorbeugung gegen Krankheitserreger, klinische Stabilität. Dauer und Strategie: vorübergehende „Brücke“, während die Milchbildung der Mutter aufgebaut oder wiederhergestellt wird.
Dritte Wahl: Säuglingsnahrung. Klinischer Hauptzweck: grundlegende Nährstoffversorgung, wenn MOM und DHM nicht verfügbar sind. Dauer und Strategie: alternative Ernährung, wenn alle Möglichkeiten mit Muttermilch ausgeschöpft sind.
2. Schutz und Aufklärung der Stilldyade
Ein zentrales Thema der Leitlinien 2026 ist die ethische Pflicht von Frauenmilchbanken (Human Milk Banks, HMBs), die spendende Mutter und ihr eigenes Kind zu schützen.
A. Schutz der Gesundheit der Spenderin und der Ernährung ihres Kindes
Nur überschüssige Milch: Frauenmilchbanken dürfen nur Mütter gewinnen, die Milch über den Bedarf hinaus bilden, nachdem sichergestellt ist, dass der Nährstoffbedarf ihres eigenen Kindes vollständig gedeckt ist.
Stillmanagement: Spenderinnen müssen kompetente Stillunterstützung erhalten, um Komplikationen wie Hyperlaktation, Brustdrüsenschwellung, Milchstau und Mastitis vorzubeugen.
Gewinnung in allen Stillphasen: Spenderinnen können in jeder Phase der Stillzeit gewonnen werden. Milch, die in der frühen Stillzeit gewonnen wird, enthält höhere Konzentrationen an Eiweiß, Zink, Kupfer, Selen und Immunglobulinen (z. B. IgA) und ist daher besonders wertvoll für frühgeborene Empfängerinnen und Empfänger.
B. Unterstützung für verwaiste Mütter
Die Leitlinien fordern Frauenmilchbanken ausdrücklich auf, verwaisten Müttern einfühlsame, strukturierte Wege zur Spende anzubieten. Für viele trauernde Familien ist das Spenden überschüssiger Milch eine Form der emotionalen Heilung, ein psychologischer Trost und ein bedeutungsvolles Vermächtnis nach dem Verlust.
3. Ethische Gewinnung und Grundsatz der Unentgeltlichkeit
Die WHO-Leitlinien legen strenge ethische Regeln für die Vergütung von Spenderinnen fest, um die Sicherheit des Produkts zu wahren und Ausbeutung zu verhindern:
Verbot finanzieller Anreize: Für die Milchspende sollen keine Bezahlung und keine kommerziellen finanziellen Anreize angeboten werden. Finanzieller Gewinn birgt Risiken, etwa dass Spenderinnen ihre Krankengeschichte verschweigen, die Milch mit Wasser oder Kuhmilch strecken, um die Menge zu erhöhen, oder die Spende über die Ernährung ihres eigenen Kindes stellen.
Erstattung tatsächlicher Kosten: Um Spenderinnen nicht zu belasten und dennoch finanziell neutral zu bleiben, dürfen Frauenmilchbanken die tatsächlich entstandenen Kosten der Spende erstatten. Dazu gehört die Bereitstellung von Abpumpsets, Aufbewahrungsbehältern und Kühlakkus oder die Übernahme von Transport- und Versandkosten.
4. Betriebliche Standards: Gewinnung, Verarbeitung und Qualitätssicherung
Um die mikrobiologische Sicherheit zu gewährleisten, ohne empfindliche bioaktive Bestandteile vollständig zu zerstören, beschreibt die WHO konkrete, evidenzbasierte Vorgehensweisen:
A. Prüfung der Spenderinnen
Zweistufige Prüfung: Mögliche Spenderinnen müssen sowohl einen umfassenden Fragebogen zu Gesundheit, Lebensstil und Risiken ausfüllen als auch serologische Tests durchlaufen.
Ausschlusskriterien: Positive serologische Tests auf HIV oder das Humane T-lymphotrope Virus 1 (HTLV-1) führen zum Ausschluss. Mit dem Fragebogen müssen Personen ausgeschlossen werden, die Tabak rauchen, Freizeitdrogen konsumieren, übermäßig Alkohol trinken oder Medikamente einnehmen, die in der Stillzeit kontraindiziert sind.
B. Gewinnung, Behälter und Kühlkette
Techniken zur Milchgewinnung: Ausstreichen von Hand, Handpumpen und elektrische Pumpen sind alle zulässig, je nachdem, was für die Spenderin angenehm ist und was sie bevorzugt. Strenge Hygieneregeln (Händewaschen und Reinigung des Zubehörs) müssen vermittelt werden.
Lebensmittelechte Behälter: Abgepumpte Milch sollte in sauberen, verschlossenen, lebensmittelechten Behältern aus Glas, Hartplastik (z. B. Polypropylen) oder Edelstahl aufbewahrt werden.
Grenzen der Kühlkette: Abgepumpte Milch sollte so schnell wie möglich gekühlt oder eingefroren werden, spätestens 4 Stunden nach dem Abpumpen. Rohe Spendermilch kann vor der Verarbeitung bis zu 4 Tage im Kühlschrank oder bis zu 6 Monate tiefgefroren aufbewahrt werden.
C. Verarbeitung, Behandlung und mikrobiologische Tests
Wärmebehandlung: Um virale und bakterielle Krankheitserreger abzutöten, wird eine Wärmebehandlung durch Holder-Pasteurisierung (62,5 °C für 30 Minuten) oder Kurzzeit-Hocherhitzung empfohlen. Retort-Verfahren (Sterilisation mit sehr hoher Hitze) werden wegen des starken Nährstoffabbaus nicht empfohlen.
Pooling und Rückverfolgbarkeit: Wo es kulturell angemessen ist, verringert das Zusammenführen der Milch mehrerer Spenderinnen die Schwankungen im Nährstoffgehalt. Frauenmilchbanken müssen ein zuverlässiges Rückverfolgungssystem (digital oder auf Papier) führen, das jeden Behälter von der Spenderin bis zum Empfängerkind zuordnet.
Mikrobiologische Tests und Nährstofftests:
Verpflichtend: Mikrobiologische Tests nach der Pasteurisierung werden dringend empfohlen, um die Wirksamkeit der Pasteurisierung vor der klinischen Freigabe zu überprüfen.
Nicht empfohlen: Routinemäßige Tests auf Makronährstoffe werden wegen hoher Gerätekosten, mangelnder Zuverlässigkeit und fehlender nachgewiesener Verbesserung der klinischen Ergebnisse bei den Empfängerkindern nicht empfohlen.
5. Was das für Stillberaterinnen bedeutet
Schutz der Milchbildung der Mutter: Wenn auf einer Neugeborenen-Intensivstation oder einer Wochenbettstation DHM verordnet wird, hat es für dich oberste Priorität, die Mutter beim frühen und häufigen Gewinnen ihrer Milch (Ausstreichen von Hand, Abpumpen) zu unterstützen, damit DHM eine kurzfristige Lösung bleibt.
Aufklärung und Begleitung von Spenderinnen: Oft wirst du die erste Fachperson sein, die eine Mutter fragt, ob sie Spenderin werden kann. Du kannst sie zu Hygienestandards, geeigneten Behältern, der Kühlkette und der Vermeidung von Hyperlaktation beraten.
Sicherheit für Empfängerfamilien: Eltern, deren Kind Spendermilch erhält, haben vielleicht Sorgen wegen der Sicherheit oder aus kulturellen Gründen. Du kannst ihnen mit Überzeugung die zweistufige Prüfung, die Pasteurisierung und die Tests danach erklären, die ihre Sicherheit gewährleisten.
Politik und Interessenvertretung: Nutze diese Leitlinien, um dich in deinem Krankenhaus oder deiner Region für Regelungen zu Frauenmilchbanken einzusetzen, die Frauenmilch als lebenswichtige Gesundheitsressource behandeln und nicht als Handelsware.
6. Das Wichtigste für die Praxis
DHM ist ein wertvolles klinisches Werkzeug, aber die Milch der eigenen Mutter (MOM) bleibt das eigentliche Ziel.
Als Stillberaterinnen ist es unsere Aufgabe, gespendete Frauenmilch als sichere, ethische und vorübergehende Brücke zu behandeln, die gefährdete Säuglinge schützt, während du die Spenderin und ihr Kind sowie den Stillweg der Mutter entschlossen schützt, förderst und unterstützt. Denk immer daran: Die Sicherheit der Frauenmilchbank beruht auf strengen klinischen Standards, aber die langfristige Gesundheit des Kindes beruht darauf, die Milchbildung der Mutter zu schützen.